Wo analoge Filme wirklich herkommen – was Polaroids und Kleinbildfilme gemeinsam haben
Das beschauliche Monheim am Rhein ist ein Nabel der analogen Filmindustrie, mit großer Bedeutung nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Das wissen nur wenige, und keine Verpackung verrät es. Auf jeder Packung Polaroids steht: Made in the Netherlands. Das stimmt, aber eben nicht ganz. Das Negativ, das Wichtigste an einem Polaroid, entsteht in Monheim, zwischen Düsseldorf und Köln. In derselben Produktionshalle wie der Film, der als Wolfen NC500 oder OptiColour 200 in meiner Kamera steckt. Das betrifft mich doppelt: Ich fotografiere auf Kleinbildfilm und Polaroids. Beides beginnt am selben Ort.
Ich wollte wissen, woher mein Film kommt. Das klingt nach einer einfachen Frage, ist es aber nicht. Im Netz gibt es dazu Forenbeiträge, Pressemitteilungen und ein paar Handelsregisterauszüge. Jeder weiß ein Stück, aber niemand erzählt die ganze Geschichte. Hier ist mein Versuch, die Stücke zusammenzulegen.
Wichtig vorweg: Das hier ist kein Technikartikel. Man muss nichts von Chemie verstehen, um die Geschichte zu verstehen. Es geht um eine Fabrik, zwei Firmen, einen Investor und am Ende um ein Labor, das ich selbst nutze.
Was in Monheim passiert
Film herstellen ist ein Handwerk, das fast ausgestorben ist. Der schwierigste Schritt heißt Begießen: Auf eine Trägerfolie werden im Dunkeln ein Dutzend Schichten aufgetragen, jede dünner als ein Haar. Lichtempfindliches Silber, Farbkuppler, Filter, Schutzlack. Jede Schicht in exakter Dicke, bei kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit, auf einer Bahn, die ohne Unterbrechung durch die Maschine läuft.
Wer das kann, kann Film machen. Wer es nicht kann, klebt sein Etikett auf fremden Film. Das ist der Unterschied zwischen einer Filmmarke und einem Filmhersteller, und davon gibt es nicht mehr viele.
Weltweit beschichten noch etwa fünf Firmen Farbfilm: Kodak in den USA, Fujifilm in Japan, Harman in England, Lucky in China. Und Polaroid in Monheim.
Wem die Fabrik gehört
Die Anlage in Monheim wurde Anfang der 2000er Jahre von ehemaligen Mitarbeitern des Agfa-Werks Leverkusen aufgebaut. Die Firma hieß InovisCoat und ging 2011 in die Insolvenz. Gekauft hat die Fabrik dann der Investor hinter dem Impossible Project – also jener Gruppe, die drei Jahre zuvor das letzte Polaroid-Werk in Enschede vor dem Abriss gerettet hatte. Die Fabrik bekam einen neuen Namen, später noch einen, und heißt seit 2020 Polaroid Film GmbH. Gebäude, Maschinen, Produktionslinie: alles Polaroid.
Polaroid braucht die Anlage für sich selbst. Ein Sofortbild besteht aus drei Teilen: einem Negativ, einer durchsichtigen Deckschicht und dem Chemiebeutel, der beim Auswurf aufplatzt. Das Negativ wird in Monheim beschichtet, auf große Rollen gewickelt und nach Enschede gefahren. Dort wird die Kassette zusammengebaut, und dort kommt auch der Aufdruck «Made in the Netherlands» drauf. Der Teil, der das Bild trägt, kommt aber vom Rhein.
Aus der Insolvenz von 2011 ging noch etwas hervor: eine neue, kleine InovisCoat GmbH. Sie behielt das Wissen – die Rezepturen, die Ingenieure –, hatte aber keine Fabrik mehr. Dafür darf sie die Polaroid-Anlage vertraglich nutzen und beschichtet dort Film für andere. Lomography lässt dort gießen, die Fotopapiere von Adox sind dort entstanden, und die Farbfilme der Marke Original Wolfen kommen von dort. Mein NC500 also. Und seit 2025 auch der OptiColour 200.
Wolfen
Wolfen liegt in Sachsen-Anhalt, bei Bitterfeld, und ist für den Film das, was Jena für die Optik ist. 1910 nahm die Agfa hier die Produktion auf. 1936 kam aus Wolfen der erste moderne Farbfilm – nach dem Prinzip, nach dem bis heute jeder Farbnegativfilm funktioniert. Nach dem Krieg wurde das Werk zur VEB Filmfabrik Wolfen, die Marke hieß ab 1964 ORWO, Original Wolfen. Nach der Wende blieb unter anderem die FilmoTec GmbH übrig, die Kinofilm und technische Filme herstellt.
FilmoTec kann etwas, das Monheim nicht kann: konfektionieren. Die Rollen aus der Beschichtung sind breite, schwere Bahnen. In Wolfen werden sie im Dunkeln in Streifen geschnitten, 35 Millimeter oder Mittelformat, perforiert, mit Randbeschriftung versehen, auf Spulen gewickelt und in Patronen gepackt. Das klingt banal, ist aber Spezialmaschinenbau, den sonst kaum noch jemand betreibt. Beschichten konnte Wolfen dagegen schon seit den Neunzigern nicht mehr. Das wurde ausgelagert, erst nach England zu Ilford, dann nach Monheim.
So ist die Arbeitsteilung entstanden, nach der heute jeder Original-Wolfen-Film gebaut wird: Chemie am Rhein, Mechanik in Sachsen-Anhalt. Bei Polaroid ist es dieselbe Kette, nur dass der zweite Schritt nach Westen führt statt nach Osten.
Wer genauer hinschaut, erkennt darin eine alte Verwandtschaft. Beide Standorte sind Agfa. Wolfen war das Stammwerk, Leverkusen nach dem Krieg das westdeutsche Werk, als die Firma wie das Land geteilt war. 2005 gab Agfa in Leverkusen die Fotofilmproduktion auf, und ehemalige Mitarbeiter gründeten InovisCoat. Das Wissen, mit dem heute in Monheim beschichtet und in Wolfen geschnitten wird, stammt also aus ein und derselben Firma – die vor achtzig Jahren in zwei Hälften zerrissen wurde und auf diesem Umweg wieder zusammengefunden hat.
Die Fahrt im Dunkeln
Zwischen Monheim und Wolfen liegen rund 450 Kilometer Autobahn. Was da unterwegs ist, ist unbelichteter Film auf Rollen – das empfindlichste Material, das ich mir vorstellen kann. Kein Licht, keine Wärme, keine Erschütterung. Wie genau die Hersteller das organisieren, sagen sie nicht, und ich habe nichts gefunden, worauf ich mich verlassen würde. Sicher ist nur: Jede Patrone Original Wolfen, die irgendwo in einer Kamera steckt, hat diese Fahrt im Dunkeln hinter sich. Und jedes Polaroid auf gleiche Weise die Fahrt nach Enschede.
Ein Investor, eine Insolvenz, ein Neuanfang
2020 kaufte der britische Investor Jake Seal beide Firmen, InovisCoat und FilmoTec, und legte sie zusammen. Die Idee war gut: Beschichtung und Konfektionierung unter einem Dach, und unter dem alten Namen wieder Farbfilm aus Deutschland. 2022 kam der NC500, der erste neue Farbfilm aus Wolfen seit Jahrzehnten, später der NC400 und der Schwarzweißfilm NP100. Dann stockten die Lieferungen, die Qualität schwankte, in den Foren wurde gestritten. Und es ging erneut in die Insolvenz.
Im November 2024 begann eine Zusammenarbeit mit Optik Oldschool, einem jungen Düsseldorfer Label, das als Fotolabor angefangen hatte. Im April 2025 wurde die erste Charge OptiColour 200 gegossen, ein Farbfilm, den Optik Oldschool gemeinsam mit InovisCoat entwickelt hatte. Und am 22. Juli 2026 gab die Firma bekannt, dass ihr Mitgründer Chris Vandebroek InovisCoat und FilmoTec übernommen hat – laut Silvergrain Classics im Rahmen des Insolvenzverfahrens. Kurz darauf erschien mit dem OptiMono 100 ein neuer Schwarzweißfilm.
Polaroid und seine Fabrik sind von alldem nicht berührt. Die Anlage in Monheim bleibt, was sie war.
Vom Labor zum Hersteller
Optik Oldschool ist eines der Labore, zu denen ich meine Filme schicke. Vor zwei Jahren haben sie in Düsseldorf mit Entwickeln und Scannen angefangen. Heute gehört ihnen das Wissen, aus dem Film gemacht wird, und der Zugang zu der Anlage, auf der er entsteht. Aus einem Labor ist ein Filmhersteller geworden – in einer Branche, in der seit Jahrzehnten eher Hersteller verschwinden als neue dazukommen.
Ob das gut geht, weiß niemand. Die Geschichte von Wolfen ist voll von großen Ankündigungen. Aber vermutlich zum ersten Mal sind die Leute, die den Film herstellen, selbst Fotografen. Sie wissen, was am anderen Ende der Kette gebraucht wird, weil sie dort selbst stehen.
Was am Ende übrig bleibt
Zwei Filme, die unterschiedlicher kaum sein könnten: ein Sofortbild, das in Minuten vor den Augen entsteht, und ein Kleinbildfilm, dessen Bilder man erst Tage bis Wochen später sieht. Beide beginnen auf derselben Maschine in Monheim. Von dort fährt das eine nach Westen, das andere nach Osten, und beide landen irgendwann in meinen Kameras.
Es gibt auf der Welt nur eine Handvoll Orte, an denen so etwas noch möglich ist. Einer davon liegt am Rhein, zwischen Düsseldorf und Köln, in einer Stadt, die kaum jemand kennt.
Quellen
Optik Oldschool: Ein neues Kapitel beginnt (22. Juli 2026)
Kosmo Foto: Optik Oldschool takes ownership of InovisCoat and FilmoTec (22. Juli 2026)
Silvergrain Classics: The Big Picture (Juli 2026)
FilmoTec: Was gibt es Neues? (März 2023)
Polaroid Support: What's inside a Polaroid film box?
heise online: Polaroid – Von Enschede in die ganze Welt (2018)
Handelsregister Düsseldorf HRB 59852, Polaroid Film GmbH