Auf der Suche nach Henri Cartier-Bresson in Arles
Arles, letzter Festivaltag im Monoprix. Irgendwo hier hängt ein Bresson.
Extra nach Arles
Ich bin extra nach Arles gefahren, um Henri Cartier-Bresson zu finden. Wo sonst, wenn nicht hier?
Arles, Anfang Oktober. Die Rencontres de la photographie, das älteste Fotofestival der Welt, laufen seit Juli, ich bin am letzten Tag da. Rund vierzig Ausstellungen in Kapellen, Klöstern, alten Werkhallen. Wenn es einen Ort gibt, an dem Fotografie zu Hause ist, dann dieser. Und wenn es einen Fotografen gibt, der hier zu Hause sein müsste, dann er.
Ich bin in der Provence, um auf Film zu fotografieren, so wie er es sein Leben lang getan hat. Da lag die Fahrt nach Arles nahe. Ich hatte mir vorgestellt, irgendwo in dieser Stadt eine Wand voller Bressons zu finden.
Wer war dieser Mann?
Henri Cartier-Bresson, 1908 bis 2004, ist der Fotograf, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Mit einer kleinen Leica, einem einzigen Objektiv und Schwarzweißfilm hat er ein halbes Jahrhundert lang festgehalten, was er sah: Paris, Indien, China, die Befreiung 1944, Gandhis Beerdigung, zwei Liebende in einem Zug.
1947 gründete er zusammen mit Robert Capa, David Seymour und George Rodger die Agentur Magnum Photos, bis heute die berühmteste Fotografenkooperative der Welt. Von ihm stammt der Begriff vom entscheidenden Augenblick, «the decisive moment», dem einen Moment, in dem alles im Bild zusammenfällt. Er wartete auf ihn, drückte einmal ab und ließ seine Negative anschließend unbeschnitten. Was im Sucher war, war das Bild.
Für jeden, der heute auf Film fotografiert, ist er der Maßstab, ob man will oder nicht.
Bresson und Arles
Dass ich ihn hier gesucht habe, war kein Zufall. Arles und Bresson haben eine gemeinsame Geschichte.
1965 begann der Arlesianer Fotograf Lucien Clergue mit seinem Freund Jean-Maurice Rouquette, dem Konservator des Musée Réattu, eine Fotosammlung aufzubauen. Das Museum war damals eines der ersten in Frankreich, das Fotografien überhaupt als Kunst sammelte. Die Fotografen schenkten ihre Abzüge, Ansel Adams, Richard Avedon, Cecil Beaton und auch Cartier-Bresson. Aus dieser Sammlung entstand 1970 die Idee zum Festival. Bresson gehörte zu den Großen, die in den ersten Jahren nach Arles kamen und dem jungen Festival damit Gewicht gaben.
Und die Provence wurde seine Heimat. Seine letzten Jahrzehnte verbrachte er in Montjustin im Luberon, keine hundert Kilometer von Arles entfernt, wo er mehr zeichnete als fotografierte. Dort ist er 2004 gestorben, dort liegt er begraben.
Ein Fotograf, der das Festival mit aufgebaut hat und vor den Toren der Stadt lebte. Man sollte meinen, Arles würde ihn an jeder Ecke zeigen.
Die Suche
Tut sie nicht. Natürlich war ich nicht an allen Ausstellungsorten der Rencontres d'Arles, dafür sind es zu viele. Ich habe im Vorfeld recherchiert, wo die Wahrscheinlichkeit am größten ist, auf ein Bild von Bresson zu treffen. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur an einem einzigen Ort bestand überhaupt die Chance, und das ließ sich anhand des Themas und der Sammlung, aus der die Werke stammen, ziemlich genau eingrenzen.
Also dorthin. Die Ausstellung befand sich ausgerechnet im ersten Stock eines Supermarkts, der Eingang führte durch die Dessous-Abteilung, was einen gewissen Humor hatte. Oben dann «Nos rêves lointains», eine Auswahl aus der Fotosammlung der Fnac. Die französische Handelskette hat über Jahrzehnte rund 1800 Abzüge zusammengetragen, die heute im Musée Nicéphore Niépce in Chalon-sur-Saône aufbewahrt werden. In Arles war ein Teil davon zum Thema Reise zu sehen.
Ich fand die Ausstellung nichtssagend. Scheinbar wahllos aneinandergereihte Fotos, zusammengehalten von einem Text der Schriftstellerin Nathacha Appanah, der über Lautsprecher lief. Ich verstand ihn nicht, es gab keine Übersetzung, und die wenigsten Besucher schienen sich für ihn zu interessieren. Ich bin durch die Säle gegangen, habe die Schildchen neben den Rahmen gelesen, Namen über Namen. Seiner war nicht darunter.
Bresson ist in Arles so gut wie nicht präsent. Kein Museum, das seinen Namen trägt, kein Saal, keine Wand. Das Festival schaut nach vorn, auf Afrika, den Mittelmeerraum, auf junge Positionen.
Trotzdem wuchs mit jedem Raum ein merkwürdiges Gefühl. Der Mann, der der Fotografie ihre Sprache gegeben hat, scheint an dem Ort, der sich die Hauptstadt der Fotografie nennt, schlicht vergessen. Ich war fast durch und wollte es schon abhaken.
Das eine Foto
Und dann, an einer der letzten Wände, zwischen anderen Fotografen, ein einziger Bresson: «In a train», Rumänien 1975.
Ein Zugabteil, ein junges Paar. Er sitzt am Fenster, das Gesicht nach draußen gewandt, die Arme um ihren Kopf gelegt. Sie ruht an ihm. Kein großes Ereignis, kein berühmter Platz, nur zwei Menschen, die schlafen, während draußen ein Land vorbeizieht. Ein stilles Bild.
Ein gutes Foto. Eines seiner besten ist es jedoch nicht, finde ich. Aber eines habe ich aus dieser Ausstellung mitgenommen, und das mag jetzt vermessen klingen: Das eine oder andere meiner Fotos hätte stilistisch durchaus auch dort an der Wand hängen können. Wahrscheinlich aus einem einfachen Grund. Bresson war für viele der ausgestellten Fotografinnen und Fotografen eine Inspiration, so wie er es für mich ist. Man sieht es ihren Bildern an, und vermutlich sieht man es auch meinen an. Also reiste ich nicht enttäuscht ab, sondern mit einem guten Gefühl.