Der schnellste Weg
Ich überschlage kurz die Linien im Stammbaum meiner Familie. Eine Leica zu erben wäre wohl der schnellste Weg, daran zu kommen. Beide Opas, schon tot. Der Onkel, Fehlanzeige, der konnte sich noch nie eine Leica leisten.
Und jetzt? Ich liege auf dem Sofa, es ist kurz vor Mitternacht und meine Gedanken kreisen um den roten Leica-Punkt. Ich öffne Instagram und begehe einen folgenschweren Fehler: «Leica M6 günstig kaufen» tippe ich ein.
FotoFabi68
«Schweren Herzens» muss sich FotoFabi68 von seiner M6 trennen. Wie auch von der ganzen Sammlung, denn es fehlt ihm nach einem Umzug der Platz. Der Arme. Mein Helfersyndrom lässt mich auf die Anzeige klicken. Ich sehe den Preis und schließe sie sofort wieder. Der muss sich vertan haben, so wird er die nie los.
Am nächsten Morgen weiß ich es besser. Der Algorithmus hat die Nacht genutzt.
Was ich angerichtet habe
Ich habe einmal gesucht, ein einziges Mal, und seitdem besteht mein Feed aus Leicas. Nicht nur auf Instagram. Facebook zieht nach, die haben sich wohl abgesprochen. Zwischen Hundevideos und Geburtstagen entfernter Bekannter steht jetzt alle drei Beiträge eine Kamera mit rotem Punkt, fotografiert auf grauem Filz.
Für alle, die keine Kamera besitzen und trotzdem bis hierher gelesen haben: Leica baut heute noch eine neue Filmkamera, die M6. Sie kostet rund 6.000 Euro, ohne Objektiv. Man legt in sie denselben Film ein wie in jede Kamera vom Flohmarkt.
Und man muss wissen: FotoFabi68 war nur der Anfang. Es gibt mehrere Sorten von diesen Posts, und ich kenne inzwischen alle.
Die anderen Sorten
Der Händler. Seine Anzeigen sind in einer Sprache geschrieben, die nur Eingeweihte verstehen, «unbenutzt», «CLA’d», «0.72», lauter Kürzel wie bei einem Ritual, und unter dem Preis steht «oder Preisvorschlag», als wäre Verhandeln bei dreitausend Euro eine Form von Barmherzigkeit. Das Objektiv, das er dazu anbietet, trägt einen Spitznamen: «King of Bokeh». Ein Objektiv mit Hofstaat. Ich klicke drauf und wieder zu.
Der Rückblick. Jemand zeigt seine M6, verbeult, der schwarze Lack an den Kanten abgewetzt, und schreibt dazu, er habe sie in den Neunzigern vom ersten Gehalt gekauft. Dreihundert Kommentare, alle schreiben dasselbe: niemals verkaufen. Er verkauft sie auch nicht. Er zeigt sie mir nur. Das ist die grausamste Sorte, weil sie nichts will, außer dass ich weiß, dass ich zu spät dran bin. Ich habe die Anzeigen aus meinem Feed nicht aufgehoben, aber die Preise von damals kann man nachlesen: Vor knapp zwanzig Jahren hatte ein Münchner Fotohändler zwei M6 im Angebot, zwischen 600 und 900 Euro, die teurere mit Garantie. Heute kostet der Deckel so viel.
Der Lebensstil. Ein Mensch mit Hut sitzt in Lissabon vor einem Café, die M6 am Lederriemen, das Licht kommt von der Seite, darunter steht «Slow photography». Das Foto zeigt die Kamera. Es zeigt nie, was die Kamera fotografiert hat. Nur Bilder von ihr, keine aus ihr.
Der Erklärer. Ein junger Mann mit Bart erklärt in sechzig Sekunden, warum die M6 die beste Filmkamera aller Zeiten ist, und zum Schluss, dass man jetzt kaufen solle, bevor die Preise weiter steigen. Irgendwo in einem Leica-Forum hat das jemand vor Jahren nüchtern festgehalten: Mit jedem Video über die M6 geht der Preis hoch. Der junge Mann beobachtet den Markt nicht. Er ist Teil des Marktes.
Meine Rechnung
Den Preis nenne ich nicht. Nur so viel: Für das, was FotoFabi68 verlangt, bekommt man einen gebrauchten Kleinwagen.
Für das, was der Händler verlangt, einen gebrauchten Kleinwagen mit Objektiv drauf.
Ich habe nachgerechnet. Filme, Entwicklung, Scans. Für den Preis einer M6 könnte ich jahrelang fotografieren, jede Woche eine Rolle, ohne einmal nachzudenken. Das wäre, in der Sprache der Künstler, ein ganzes Werk. Die M6 dagegen liegt derweil in ihrer Box und steigt im Wert. Sie wird nicht benutzt, sie ist eine Anlage.
Die Kamera neben mir
Während ich das alles anschaue, liegt auf dem Tisch neben dem Sofa eine Voigtländer Bessa. Seit Jahren treu an meiner Seite. Sie hat einen Messsucher wie die M6, dasselbe Bajonett, sie nimmt denselben Film und dieselben Objektive.
Die Bessa ist eine Leica, die sich nicht traut, es zu sagen.
Meine Objektive sind von Voigtländer. Das Komische daran: Genau diese Objektive kaufen sich auch viele Leica-Besitzer, weil das Original ein Vielfaches kostet. Am Ende unterscheidet die beiden Kameras ein roter Punkt und eine Null im Preis.
Ich sage das ohne Groll. Die M6 ist eine wunderschöne Kamera. Ich hätte sie gern. Das ist ja das Problem.
Der Spaziergang
Irgendwann an einem Samstag lege ich das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch und nehme die Bessa mit raus. Film einlegen, Riemen über die Schulter, Tür zu. Draußen scheint die Sonne. Ich gehe los, ohne Ziel, und nach einer halben Stunde steht da ein hölzerner Springer in der Sonne, groß wie ein Kind, hinter ihm die Männer, die über den nächsten Zug nachdenken. Ich gehe in die Knie und drücke einmal ab.
Zürich, fotografiert mit der Voigtländer Bessa R2A
Ohne jemanden umzubringen
Zurück zum Anfang. Eigentlich weiß ich inzwischen, wen man umbringen muss, um günstig an eine Leica zu kommen. Nicht den Onkel. Den Algorithmus, der die Preise hochtreibt und mich jeden Abend daran erinnert. Aber der hat keinen Hals.
Also bleibt alles, wie es ist. Er zeigt mir Leicas. Ich zeige ihm meine Fotos.