Warum ich ein regelmäßiges Fotozine starte
Ich gebe es zu: Ich habe kaum Follower auf Social Media. Meine Fotos sind nicht bekannt. Nicht einmal die Bilder, von denen ich selbst denke, dass sie zu meinen besten gehören. Sie bekommen vielleicht ein paar Likes, manchmal auch gar nichts. Dann verschwinden sie im Feed, als wären sie nie da gewesen.
Warum also ein Fotozine?
Und warum dann auch noch der Plan, alle drei Monate eine neue Ausgabe zu machen?
Die Frage ist berechtigt. Denn wenn man ehrlich ist, wirkt das erstmal nicht besonders logisch. Wer keine grosse Reichweite hat, keine bekannte fotografische Marke ist und nicht in irgendwelchen Szenen herumgereicht wird, könnte sich auch einfach sagen: Lass es. Poste ab und zu etwas, nimm mit, was kommt, und gut ist.
Aber genau das reicht mir nicht.
Was ein Fotozine überhaupt ist
Ein Fotozine ist vereinfacht gesagt ein kleines, unabhängig produziertes Fotomagazin. Kein klassisches Hochglanzheft vom Kiosk, sondern eher ein persönliches, oft in kleiner Auflage gemachtes Format. Es ist näher an einem Heft, einem Künstlerbuch oder einer sehr reduzierten Publikation als an einem grossen Magazin.
Das Schöne daran: Ein Zine muss nicht perfekt sein. Es darf roh sein, leise, eigenwillig. Es darf mehr Haltung haben als Hochglanz. Und genau das gefällt mir daran.
Ein Fotozine ist kein Post. Kein flüchtiger Inhalt zwischen Werbung, Reels und Nachrichten. Es ist ein Gegenstand. Etwas, das man in die Hand nimmt. Man blättert. Man bleibt hängen. Man schaut ein Bild länger an, ohne sofort weiterzuwischen.
Allein das macht für mich schon einen riesigen Unterschied.
Das Cover der ersten Ausgabe der LINSE in der Drucksoftware
Social Media ist schnell. Zu schnell für viele Bilder.
Ich habe nichts grundsätzlich gegen Social Media. Es kann inspirieren, verbinden und manchmal sogar Türen öffnen. Aber für Fotografie ist es oft ein schwieriger Ort. Denn dort zählt vor allem Geschwindigkeit. Aufmerksamkeit muss sofort da sein. Ein Bild hat oft nur einen Augenblick Zeit, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Viele Fotos sind dafür nicht gemacht.
Nicht jedes Bild funktioniert in einer halben Sekunde. Nicht jedes Bild will laut sein. Manche leben von Zwischentönen. Von Ruhe. Von Atmosphäre. Von Dingen, die man erst beim zweiten Blick bemerkt. Genau solche Bilder haben es online oft schwer.
Im Feed stehen sie neben Memes, Werbung, Schlagzeilen, Urlaubsvideos und Menschen, die in die Kamera reden. Alles kämpft gleichzeitig um Aufmerksamkeit. In so einer Umgebung kann Fotografie schnell zu etwas werden, das nur noch kurz funktioniert oder eben gar nicht.
Drucken ist oft dankbarer als Posten
Vielleicht ist das der eigentliche Kern: Das Drucken von Fotos (oder das Drucken lassen) ist oft dankbarer als das Posten auf Social Media.
Nicht, weil es einfacher wäre. Im Gegenteil. Drucken kostet Geld, Zeit und Entscheidungen. Papier, Format, Reihenfolge, Gestaltung, Testdrucke. All das ist aufwendiger, als ein Bild schnell hochzuladen.
Aber genau deshalb ist es oft ehrlicher.
Wenn ich ein Foto drucke, treffe ich eine Entscheidung. Ich sage: Dieses Bild soll mehr sein als eine Datei auf meiner Festplatte. Es soll mehr sein als ein Beitrag, der ein paar Stunden sichtbar ist und dann im Strom verschwindet. Es bekommt eine Form. Eine Fläche. Ein Gewicht.
Und genau da verändert sich auch mein Blick auf das Bild.
Plötzlich frage ich nicht mehr: Wird das geliked?
Sondern: Trägt dieses Bild auf Papier? Hält es aus, länger betrachtet zu werden? Hat es genug Ruhe, genug Spannung, genug Substanz?
Das sind bessere Fragen.
Denn manche Bilder, die auf dem Handy toll aussehen, verlieren gedruckt sofort an Wirkung. Andere, die online kaum Beachtung finden, gewinnen auf Papier enorm. Sie bekommen Tiefe. Ruhe. Präsenz. Man sieht sie anders. Vielleicht sogar zum ersten Mal richtig.
Ein Zine zwingt zu Entscheidungen
Was mich am Fotozine zusätzlich reizt: Es geht nicht nur um einzelne Bilder. Es geht darum, wie Bilder zusammen funktionieren.
Welche Aufnahme eröffnet das Heft? Welche braucht eine ganze Seite? Welche funktioniert klein besser? Wo entsteht Ruhe, wo Spannung, wo ein Bruch? Welche Bilder sprechen miteinander?
Das ist etwas völlig anderes, als einfach einzelne Fotos online zu posten. Ein Zine hat Rhythmus. Es hat Abfolge. Im besten Fall hat es sogar eine eigene Stimmung oder ein Thema, das sich durch das ganze Heft zieht.
Genau das interessiert mich.
Ein einzelnes gutes Bild ist schön. Aber mehrere Bilder so zusammenzubringen, dass daraus etwas Eigenes entsteht, finde ich fast noch spannender.
In der ersten Ausgabe wird auch eine unveröffentlichte Kurzgeschichte von mir sein, die von einem der Fotos inspiriert ist. Bilder und Texte entstehen zwar auf unterschiedliche Weise, aber oft aus einer ähnlichen Stimmung heraus. Und wer weiss: Vielleicht schaffe ich es ja sogar, für jede neue Ausgabe auch eine neue Kurzgeschichte zu schreiben. Der Gedanke gefällt mir jedenfalls.
Warum alle drei Monate?
Ganz einfach: Weil ich Verbindlichkeit brauche.
Ohne Rhythmus bleiben solche Projekte schnell nur Ideen. Man sammelt Bilder, schiebt Layouts hin und her, macht vielleicht mal einen Testdruck und sagt sich, dass man irgendwann etwas daraus machen wird. Dieses Irgendwann ist gefährlich. Dort bleiben viele gute Vorhaben liegen.
Alle drei Monate eine Ausgabe zu planen, ist deshalb vor allem ein Versprechen an mich selbst. Es zwingt mich, auszuwählen, wegzulassen und fertig zu werden. Nicht perfekt. Aber fertig.
Und vielleicht passt genau das auch zum Format. Ein Zine muss kein endgültiges Werk sein. Es darf sich entwickeln. Es darf suchen. Es darf unperfekt sein. Gerade das macht es lebendig.
Was am Ende übrig bleibt
Also ja, ich habe kaum Follower. Meine Bilder sind nicht bekannt. Vielleicht wird das Zine auch nie ein grosses Publikum haben.
Aber das ist für mich kein Grund dagegen. Eher im Gegenteil.
Ich will Fotografie nicht nur als etwas erleben, das durch einen Feed rauscht. Ich will Bilder drucken, weil sie auf Papier oft erst richtig anfangen zu leben. Ich will etwas machen, das man in die Hand nehmen kann. Etwas, das langsamer ist. Greifbarer. Ehrlicher.
Ein Fotozine ist für mich kein Beweis von Erfolg.
Es ist ein Bekenntnis zur Fotografie.
Zu Bildern, die nicht schreien müssen.
Zu Bildern, die bleiben dürfen.
Zu Bildern, die vielleicht von wenigen gesehen werden, dafür aber wirklich.
Und vielleicht reicht genau das.